Deutschland schaut auf Eva Herman. Eine Karrierefrau wie sie wohl im Bilderbuch steht bekennt sich offen gegen ihre Entscheidung zur Karriere. Verrat an den Verdiensten der Emanzipation! Verrat an der Gleichberechtigung und dem Kampf unserer Mütter! Verrat am vergossenen Blut der Feministinnen! Aus allen Ecken tönt es und man ist verführt zu glauben Eva Herman sei eine dieser Doppelmoralisten. Predigen ist das eine, Handeln das andere. Eva Herman - eine Weintrinkerin die Wasser predigt?
Festzuhalten gilt, dass der Cicero-Artikel die Lektüre des Buches nicht ersetzt. Denn dieser ist zu sehr schwarz-weiß gemalt. Mit anti-feministischen Kampfparolen wurde vermutlich versucht die PR-Maschinerie anzutreiben. Oder Eva Herman wurde Opfer einer chauvinistischen Redaktion. Denn festzuhalten gilt nämlich auch, dass die meisten Kritiker das Buch nicht gelesen haben können oder einfach peinlich dogmatisch sind.
Denn das Buch stellt eine, durchaus mit wissenschaftlichen Tendenzen, differenzierte Arbeit dar, die an einigen Stellen provoziert, aber das mit einer klaren Intention.
Zunächst jedoch wende ich mich dem wohl bristantesten Thema des Buches zu: Die Bewertung des Feminismus. Die feministische Bewegung war wichtig und hat viele wichtige Rechte für die Frau, zumindest in Deutschland, durchgesetzt. Frauen dürfen jetzt arbeiten ohne ihren Mann um Erlaubnis fragen zu müssen, so bitter und weltfremd das für viele mittlerweile klingen mag. Viele Frauenrechte wurden erst in den 70er Jahren dieses Jahrhunderts durchgesetzt.
Die, bisherigen, Errungenschaften dürfen niemals in Frage gestellt werden - das steht nicht zur Debatte. An dieser Stelle muss den feministischen Kritikern eine Absage erteilt werden - auch Herman wünscht sich diese traurigen Umstände nicht zurück. Dass immer noch Frauen diskriminiert und unterdrückt werden muss auch weiterhin bekämpft werden, genauso wie Armut, Krieg und Minderheitenunterdrückung. Gewalt an sich muss vehement bekämpft werden.
Doch man bedenke, dass böse Schläger auch Mütter hatten. Und diese haben ihnen wohl nicht vermittelt, dass man mit seinen Mitmenschen, und vor allem mit seiner Familie, respektvoll umgeht.
Auf die eine oder andere Weise müssen "Schläger" ein falsches Frauenbild erlebt haben. Dass dieses eng mit der Mutter verknüpft ist wird wohl niemand bestreiten. Die Gründe für dieses falsche Frauenbild liegen natürlich nicht im Feminismus, sondern vielmehr in der undifferenzierten Auseinandersetzung einer Mutter mit ihrem Kind.
Denn der Feminismus als etablierende Bewegung von Frauenrechten ist prinzipiell gut.
Zumindest solange es um die Gleichberechtigung von Frauen geht.
Doch was ist, wenn der Feminismus plötzlich umschlägt? Was ist wenn die Ziele darauf hinauslaufen, dass Frauen einfach die Herrschaft über Männer ausüben sollten? Sind Frauenquoten sinnvoll, wenn die Gesellschaft offenbar nicht fähig ist Frauen vollständig als emanzipiert anzusehen? Und warum lassen sich Frauen immer noch unterdrücken? Muss man sich als Mensch einzig und alleine über die Berufstätigkeit definieren? Ist es möglich, dass eine Familie ohne definierte Besitzverhältnisse klarkommt? Wie kann man Frauen vor dem finanziellen Gutdünken ihres geizigen Ehemannes schützen? Und leiden unter solchen verschachtelten Problemen nicht ausschließlich die Kinder? Und "vererben" diese das tiefe Misstrauen gegenüber Menschen nicht auf ihre eigenen Kinder?
Denn die wahren Verlierer unserer Gesellschaft sind die Kinder. Kinder haben keine Lobby, stellen aber die Lobbys von morgen und übermorgen. Und das wichtigste ist, dass viele Kinder viel Liebe bekommen. Also gibt Herman zu bedenken, dass Kinder in den ersten Lebensjahren viel Liebe und Aufmerksamkeit brauchen. Und dass sie diese besser bekommen können, wenn die Mutter und der Vater 24 Stunden am Tag da sind. Dass diese Vorstellung utopisch ist, wird jedem einleuchten. Dass die Mutter die zunächst stärkere Bindung zu dem Kind hat auch. Mütter also nicht zurück an den Herd, sondern zurück zu ihren Kindern! Natürlich sollen Frauen auch arbeiten können, wenn sie es wirklich wollen und die Kinder nicht darunter leiden. Aber eine Frau soll nicht ihre Kinderwünsche "wegorganisieren", in dem Glaube sie sei sonst kein vollwertiger Teil der Gesellschaft.
Mütter sollten verehrt werden, nicht diskriminiert.
Sei diese nun berufstätig oder nicht. Wir brauchen Mütter, die zu Hause sind genauso, wie wir Frauen brauchen die arbeiten. Aber eine Frau, die ihre Ehe und ihre (zukünftigen) Kinder aufs Spiel setzt für einen stressigen 12-Stunden-Job, kann doch gefragt werden, ob sie glücklich ist.
Doch wollen wir nur glückliche Menschen in unserer Gesellschaft? Prägen nicht gerade Momente der Traurigkeit unsere Persönlichkeit? Eine schöne neue Welt wird es vielleicht geben, wenn wir alle unsere Kinder so behandeln wie Herman es fordert, doch wollen wir das? Doch sind Liebe und Vertrauen nicht etwas schönes? Will nicht jeder glücklich und zufrieden sein? Man mag Herman sozialromantisch nennen, aber sie appelliert, wenn auch an manchen Stellen mit einer seltsamen religiösen Weltanschauung, an Liebe, Freude und Frieden.
Hermans Intention liegt, so scheint es, einzig und alleine bei den Kindern, denn diese sind die Leidtragenden einer überdrüssigen und gefühlskalten Gesellschaft. Eva Hermans Buch sollte nicht überbewertet werden.
Sie ist keine radikale Fundamentalistin, die alle Frauen mit kurzen Haaren und qualifizierter Berufsausbildung eliminieren will.
Sie scheint nur die Erfahrung gemacht zu haben, dass Kinder glücklicher machen als Karriere. Dass viele Kinder aber ab einem gewissen Alter nicht mehr möglich sind. Und das will sie der Welt mitteilen. Eigentlich will sie uns nur auffordern über Kinder und das Glück, welches sie uns bescheren können, nachzudenken. Dass die Macher des Cicero ihr hierbei ein Etikett aufgedrückt haben spricht für Hermans Idealismus und gleichzeitig für ihre Naivität. Eigentlich plädiert sie gegen einen in der Gesellschaft verankerten Kinderhass und für die Liebe. Sie plädiert für ausgeglichene Partnerschaften und Frieden. Für eine selbstständige und aufgeschlossene Gesellschaft. Und für Frauen, die gerne mal Kleider anziehen. Eva Herman ist keine Fundamentalistin, sondern eine Träumerin. Denn die Probleme die sie beschreibt sind die Luxus-Probleme unserer dekadenten Gesellschaft.
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