endsieg.info - Schizophrenes Frankreich
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flyc0r: so it's official. France is goin' damn. :(

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Schizophrenes Frankreich +

Frankreich hat, mit erstaunlicher Wahlbeteiligung von 85%, Nicolas Sarkozy, mit erstaunlicher Mehrheit, zum neuen Präsidenten der V. Republik gewählt. Auf die folgenden Randalen in den Banlieus war die Polizei bereits vorbereitet. Auch wenn sich diese in humanen Bahnen abspielten. Frankreich will Sarkozy. Doch was bedeutet Sarkozy? Was hätte Ségolène Royal im Gegenzug bedeutet?

Frankreich ist sich gespalten einig über seine Zukunft. Über die notwendigen Reformen des Staates lässt sich kaum streiten. Die Wirtschaft lahmt, die Zuwanderungspolitik ist undurchsichtig und integriert Immigranten immer noch zu schlecht und die Herausforderungen der Globalisierung haben noch nicht ausreichend Platz auf der nationalen Agenda.

Diese, recht schemenhaft skizzierten, Probleme treffen allerdings für viele europäische Länder zu und ihre Lösung wurde und wird sowohl von Royal als auch Sarkozy gefordert.

Sarkozy mag sich an dieser Stelle dynamischer und erneuernder präsentiert haben, was zumindest einen fruchtbaren Boden für seinen Wahlsieg schaffen konnte.Mit seinen Forderungen nach mehr Flexibilität und Wettbewerb hat er vielen Franzosen die Hoffnung geben können sich weltpolitisch wieder zu erholen, denn seien wir ehrlich:

Auch wenn die Franzosen ein Veto-Recht im UN-Sicherheitsrat haben und eine Atommacht sind, so lässt sich doch über den politischen Verfall der franz?sischen Weltmacht, stark auf die wirtschaftliche Schwäche zurück zu führen, kaum hinweg täuschen.

Sarkozy hat das deutlich erkannt und sucht auch deswegen den, ungewohnt, engeren Kontakt zum transatlantischen Partner USA. Bezeichnender Weise grüßte Sarkozy seine transatlantischen Partner nach seinem Wahlsieg und nicht den strategisch wichtigen Partner Deutschland oder Großbritannien.

Frau Royal präsentierte sich auf diesen, zweifelsohne entscheidenden, Gebieten als weniger kompetent, zumindest nahm die Öffentlichkeit Sarkozy als kompetener wahr.

Die Wahl schien, nach diesen Problemkomplexen orientiert, bereits entscheiden, doch Ségolène Royal konnte einen Teil Frankreichs mobilisieren, der Sarkozy misstrauisch bis ablehnend und ängstlich entgegen stand und steht, denn mit seinen Aussagen über die Immigranten Frankreichs hat sich der ungarische Immigrant Sarkozy keine Freunde unter seinen Schicksalsteilern gemacht.

Dabei hat doch gerade er gezeigt, was man als Immigrant in Frankreich erreichen kann. Und zumindest nach seinem Wahlerfolg beansprucht er der Präsident aller Franzosen zu sein.

Doch drängte er mit seinen law&order-Parolen die Immigranten in die Arme der Sozialistin Royal. Diese wiederrum forderte und fordert einen kulturellen Wandel in Frankreich, der Immigranten und andere Minderheiten mühelos Chancengleichheit gibt. 

Als Mutter der Nation wollte sie den "Kinder der Banlieus" die gleichen Chancen geben wie ihren eigenen. Das Aufbrechen des französischen Dünkels gegenüber Einwanderern, die überwiegend aus ehemaligen franz?sischen Kolonien stammen, schien sie sich auf die Fahne geschrieben zu haben.

Doch ihr eigener Weg führte sie über die Eliteschule ENA, die seit Jahren das führende Personal in Politik und Wirtschaft stellt. Entstammend aus den elitäen Strukturen Frankreichs wollte sie diese auflösen, sie die Tochter eines Offiziers, aufgewachsen in einem katholisch-konservativen Milieu. Frankreich müsse sich vor den drohenden freiheitsverkürzenden Maßnahmen Sarkozys schützen und jedem ein Recht auf Arbeit gewähren. Das Einführen eines Mindesteinkommens von 1500 Euro und eine Erst-Job-Garantie sollten hierbei helfen. Freiheit und soziale Solidarität und Sicherheit sollten erhalten und ausgeweitet werden. Ein solidarischer Ruck sollte durch Frankreich gehen und es Utopia wieder ein Stück näher bringen. 

Einen Ruck fordert auch Sarkozy. Einen Ruck in Richtung Freiheit und Sicherheit, Weltmacht und starkem Nationalstaat und natürlich einen Ruck in Richtung Disziplin und Ordnung. Den übrigens auch Royal forderte. Einen Hauch der Autorität und doch partzipativen Demokratie umwehte die vierfache Mutter, während Sarkozy die Rolle des erbarmungslosen Patriarchen spielt, der durch Zwang und Wettbewerb die Franzosen in eine neue Ära führen will. Beides wollen die Franzosen und beides lehen sie ab. 

Geführt werden will das Land, aber nicht bevormundet. Versorgt aber nicht verhätschelt. Weltoffen, aber national orientiert. Erneuert, aber trotzdem traditionell. Die gesellschaftliche Masse Frankreich weiß, dass eine Veränderung zwingend notwendig ist, das zeigt die enorm hohe Wahlbeteiligung. Sarkozy wird die erfolgreiche Erneuerung des Landesanscheinend eher zugetraut als Royal, auch wenn die sozio-kulturellen Veränderungen, die Sarkozy mit sich bringen wird, Angst verbreiten. Nicht umsonst haben einige traditionelle UMP-Wähler Royal gewählt. Sie haben gegen Sarkozy gewählt.

Doch auf der anderen Seite hat sich ein Teil der linken Stammwählerschaft Sarkozy zugewandt, da dieser den ersehnten wirtschaftlichen Aufschwung in weniger weite Ferne zu rücken scheint.

Progressiv sind sie beide, genauso wie sie beide traditionell und rückständig sind, gewählt werden wollten beide, genauso wie beide gehasst und geliebt werden. Beide wollen das gleiche und doch völlig anderes. Die Schizophrenie wurde mit der Wahl zwar nicht beendet, aber es hat sich ein Übergewicht konstituiert.

Frankreich hat gewählt und sich zunächst für konkrete Veränderungen in der Wirtschaft entschieden. Für die kulturellen Fragen ist auch dann noch Platz, wenn die Wirtschaft wieder auf Hochtouren läuft. Oder wenn es mit Kameras in jedem Schlafzimmer zu spät ist.

Chanson pour Ségolène



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