Bin ich schön? Bin ich klug? Bin ich witzig? Mögen mich die Menschen? Mag ich die Menschen? Warum kann ich nicht so sein, wie ich glaube zu sein? Was hindert mich daran, dass ich der Welt zeige was ich zu zeigen habe? Liebt er mich?
Ein Blick scheint zu reichen um alles, was ich in meinem kleinen Gehirn zurecht gelegt habe zu zerstören.
Diese Mischung aus Verachtung und Arroganz. Plötzlich kann ich nicht mehr sagen, was ich sagen wollte. Plötzlich vergesse ich alles, was mich auszeichnet.
Manchmal übe ich vor dem Spiegel Bewegungen - immer und immer wieder. Ja, ich gebe es zu. Ich oute mich als kalt berechnendes Wesen, das es hasst sich den Zufällen der Welt zu stellen.
Üben heißt das Zauberwort. Immer und immer wieder formuliere ich Sätze in meinem Kopf, die ich der Welt im richtigen Augenblick ins Gesicht schleudern will. Witzig sind diese Sätze und schlau. Zynisch und weltoffen lassen sie mich die Welt in einem angenehmen Licht erblicken. Ich fühle mich gut. Ich bin vorbereitet. Ich stolziere also, vollgepumpt mit meinem auswendig gelernten Sätzen, durch die Welt und warte, dass ich in den entscheidenden Momenten witzig und souverän sein kann.
Ich demonstriere hiermit meine Unabhängigkeit. Ich demonstriere, dass Selbstbewusstsein mehr als ein Schein sein kann. Mit Üben geht alles!
Meine antrainierten Gegenworte und Gesprächsergänzungen warten nur auf Schlüsselbegriffe.
[Los du Schlampe provozier mich! Sag mir, dass ich häßlich und dumm bin! Sag es!!!]
Meine Gedanken kreisen um nichts anderes als dass sie mich nervt, den Satz sagt, den sie sagen muss um die verbale Frontseite zu kriegen. Oft genug wurde bewiesen, dass Menschen scheiße sein können.
Ich harre aus. kommuniziere rudimentär mit meiner Umwelt. Mein Blick ist focusiert. Ich warte.
Los, Schlampe! Sei scheiße zu mir. Sei unfair, unhöflich, unfreundlich und du wirst es bereuen. Du wirst der Welt von meiner arroganten Souveränität erzählen. Tue mir den Gefallen und drücke die Knöpfe, die die Welt für mich bedeuten.
Der Abend scheint lang zu werden und mein Hassobjekt hat meine Vorurteile noch nicht bestätigt. Aber ich harre aus. Ich will jetzt mein Können unter Beweis stellen. Ich habe zu hart gearbeitet um jetzt in die Annalen der Bedeutungslosigkeit zu rutschen. Mein Hassobjekt kommt näher.
Ich wittere meine Chance. Gleich kann ich dem übrigen Rest beweisen wie unabhängig und cool ich bin. Doch mein Hassobjekt scheint eine Konversation mit mir starten zu wollen. Oh nein! Das darfst du nicht! Du musst gemein zu mir sein! Plötzlich zerbröselt mein kleines Gedankenkonstrukt und ich falle wie ein Kartenhaus zusammen.
Die Konversation ist nett. Wir reden über das Wetter und andere triviale, nette Dinge. Ich erfahre Neuigkeiten, die mich mehr oder minder interessieren.
Sie ist jetzt mit meinem Ex-Freund zusammen. Naja den wollte ich ja auch nicht mehr. Ich freue mich sogar für ihn und sie. Und zum Hassobjekt wurde sie auch aus ganz anderen Gründen. Verflucht, sie ist nett. Und das sie mit meinem Ex zusammen ist finde ich sogar gut! Er war lang genug Single und sie scheint echt nett zu sein. Und gut aussehen tut sie auch. Eigentlich hätte ich jetzt noch mehr Gründe sie zu hassen. Elendig zu hassen.
Aber irgendwie tu ich das nicht. Warum nur? Vielleicht enden ja jetzt die flehenden Alkoholanrufe, die mich Nachts um den Schlaf bringen. Ich will dich nicht mehr, Typ! Die Unterhaltung neigt sich dem Ende und sie beginnt sich von der Runde zu verabschieden.
Als ich an der Reihe bin lacht sie mich merkwürdig an und sagt: "Kai hatte Recht. Du bist wirklich nett, aber irgendwie so gewöhnlich!" Stocken! Atemnot! Sie hat es getan! Genau jetzt! Sie hat mich kalt erwischt! Mir schießen die Tränen in die Augen und ich stocke. Ich bringe keinen Ton über die Lippen und starre sie entsetzt an. Sie lächelt mich mit ihrem widerlichen und arroganten Pferdegesicht an und geht...