Die schleichende Wärme breitet sich fließend auf die ungewöhnten Muskeln aus, das zarte Ziehen löst befreiende Schmerzen aus. Die Lunge zieht sich langsam und bestimmt zusammen, um sich im nächsten Moment völlig zu entspannen.
Es riecht herbstlich- frisch nach der letzten Prise sommerlicher Natur; der frische Wind zischt spielend durch Gesicht und Haare. Rauchen. Freiheit. Das Fahrrad gibt sonderbare Geräusche von sich. Die seltsamste Eigenschaft alles Funktionierendem ist seine Begabung nervend auf sich aufmerksam zumachen.
Lächeln. War ich das? Der Blick schweift in die Richtung des örtlichen und öffentlichen Pflichttreff ,derer die zu Hause nicht rauchen können. Oder kiffen. Vielleicht Speed. Ein junges Mädchen, scheinbar unscheinbar und unterkühlt. Schlank. Hübsch. Eine kleine hellgrüne Tasche, die frühjährlichen Blätter ähnelt, ist ihr einziger Halt im Tigerkäfig, dessen Bewohner nur auf einen Fehler warten.
Mitleid. Mitleid? Zu jung. Hatte es nicht sehr lange gedauert bis diese Distanz, die offensichtlich überflüssig war, vergessen war? Hatte diese Liebe nicht alles zerrüttet? Dieser Mistkerl. Er hatte sie geliebt, aber er hatte Angst vor ihr, wahnwitzige Angst. Als er bereit war, war es zu spät. Eine Art Selbstschutz führte dazu, dass das gute alte Plusquamperfekt benutzt wurde. Ein letztes mal hatten sie ein Gespräch begonnen, doch er war wieder davon gelaufen. Endlich frei.
Die Straße ist gesäumt von künstlich angelegt- akkuraten Bäumchen; die zart grün- beige Blätterkrone leuchtet in der schmelzenden Nachmittagssonne. Die verschieden großen und bunten Personenkraftfahrzeuge drängeln sich um die begrenzten Plätze zwischen den dünnen Bäumchen, begleitet von leisem, aber kraftvollem Vibrieren, das unbemerkt den Körper erobert und zwischenmenschliche Begegnungen in einen Strudel aus ungewollter Ablehnung und subtiler Angst saugt. Verdrängung. Abscheu. Liebe.
Ein zufälliges „HI!“ aus dem Munde einer bekannten Person, deren zierlicher Gang durch die unbedachte Konfrontation einen plötzlichen Beschleunigungsschub erlebt. Enttäuschung. War ich das?
Bäume. Baum. Die altbekannte Allee, gepflastert von herrschaftlichen Häusern des Mittelstandes und den glänzenden Personenkraftfahrzeugen in den fein betonierten Einfahrten. Kindergarten. Nächte. Wer war ich? Taubheit. Der kurzzeitige Gedankenfluß wird jäh durch das plötzliche Auftauchen einer zu bekannten Person unterbrochen. Sonnenbank. Aha. Auf dem Sprung zu was? Beziehung beendet? Verlobt? Neuer Job wo? Ärger mit Wem? Tot! Lebendig? Was? Wer? Wo? Auf wiedersehen....Taubheit.
Es ist ein sonnig- kühler Oktobernachmittag. Glaubt man. Plötzlich ein Knall. Das knirschende Geräusch ist mit einem lauten, unschuldigen Schrei versehen. Es wird notgedrungen angehalten und die Leute bleiben stehen um zu starren.
Totalschaden. Mist. Der Krankenwagen bahnt sich den Weg durch die Menschenmenge, die sensationslustig um die betreffende Stelle steht und anteilnahmslos auf den kleinen Körper starrt. Übelkeit. Das schöne Auto.
Man fährt weg, beruhigt, entsetzt oder auch einfach gleichgültig. Unauffällig schleicht ein bedrückendes Gefühl durch die Beine und erreicht zielsicher die eigenen Eingeweide, die diese Art von Gefühl in einen tiefen, unaufhaltsamen, beherrschenden und einschränkenden, geradezu erdrückenden, Brechreiz transformieren. Angst vor dem Gegenüber, dem Nächsten, dem Liebsten, Angst vor dem an sich, vielleicht der Wahrheit. Was bewegt? erregt? befriedigt? Warum diese Art des Abgrundes?
Die Brust ist das nächst erreichte Ziel der Bedrückung, und während der Brechreiz noch mit jener zu kämpfen hat, verziehen sich die Atemwegen und in Sekundenschnelle schnürt sich die Kehle zu. Das resultierende Ohnmachtsgefühl gegenüber dem eigenen Körper wird zu einem Taumel der Angst, des Hasses, der Wut.
Luft durchströmt den Körper und beruhigt ihn, Entspannung. Die Augen richten sich wieder auf das vorher angestrebte Ziel. Helfen? Wofür? Man wäre nur ein Hindernis und bekäme eine Anzeige wegen Behinderung. Behinderung von was? Menschlichkeit vielleicht. Der Spätsommer hat das Gehirn vernebelt. Feiner Feenstaub hat sich wie ein dezenter Schleier, kaum wahrzunehmen, vor das Denken geschlichen; ohne es zu merken wird beschönigt, verbrämt, geglaubt.
Was passiert mit dem Opfer? Morgen in der Zeitung wird ein herzzerreißender Artikel über das kurze Leben dieses hübschen, vielversprechenden Kindes stehen und über die verzweifelten Eltern. Aber nur weil es ein Kind ist. Quote zählt. Realismus? Herzlos? Vielleicht ist es wirklich egal.
Mag es einen Gott geben, der über uns waltet und uns so sehr liebt, dass wir einen freien Willen zugesprochen bekommen haben. Das Fragezeichen möchte ich mir sparen.