Die feine Bibliothek war immer noch so verwunschen wie sie das vor unserem ominösen Ausflug gewesen war, und der Mosaikboden war immer noch nicht zu verstehen. Sie verbrachte immer noch lieber Zeit hinter der großen, eisernen Tür mit dem Löwenkopf und der eisernen Kordel im Maul, als in abgehalfterten Spielunken oder mit skurrilen Männern, aber sie fühlte sich anders wenn sie inmitten ihrer Schätze räsonierte. Sie fühlte sich eingeengt und spazierte jetzt oft stundenlang durch die Regalgänge. Sie genoß immer noch den Duft der den Raum erfüllte und dann und wann griff sie zu ihren Schätzen und genoß das erneute Eintauchen in andere Welten. Aber sie fühlte immer mehr, dass sie aktiv sein wollte. Leider sprang ihr bei dieser Sehnsucht wieder etwas in den Kopf, was sie schon verdrängt haben wollte. Woran sie nicht mehr hatte denken wollen.
Was hatte sie an ihm gefunden? Das war eine zu gute Frage. Er war geradezu garstig. Ungehobelt, nicht witzig, nicht schön, unehrlich und arm. Er war alles was sie nicht wollte. Wahrscheinlich war es seine Aufmerksamkeit für sie. Vielleicht war es Schicksal. Vielleicht so gewollt. Leider hatte er ihr nicht unbedingt gut getan. Ganz im Gegenteil. Verachtet hatte er sie. Geradezu mißhandelt. Ihre Liebe mit Füßen getreten und das mit Stolz. Mit Vergnügen und sie hatte gelitten. Erbarmungslos hatte sie gelitten. Schön war sie dabei gewesen, aber sie hatte gelitten. Natürlich hatte sie Wege gefunden um sich abzulenken, aber trotzdem hatte sie gelitten.
Getötet hatte sie ihn schon oft. Zumindest in Gedanken. Genüßlich trennte sie ihm langsam und schmerzhaft den Bauch auf. Der Gedanke an sein schmerzerfülltes Wimmern hatte sie unheimlich gefreut und tief erfüllt. Die Kehle, die ihr sooft zugeschnürt war, hatte sie durchtrennt und dabei gelacht. Das dicke dunkelrote Blut rann über den verdammten Körper, den sie in diesem Moment genüßlich gehasst hatte. Sein langsam verendendes Zucken bescherte ihr einen leichten und durchdringenden Orgasmus. Die künstlich erzeugte Leere wurde von einem tiefwarmen Kribbeln, das ihren Körper durchfuhr, abgelöst. Sein Glied, das sie so oft lustvoll missbraucht hatte, schnitt sie in zwei symmetrische Teile, nachdem sie die Eichel abgepellt hatte und ihn die schlaffen Hautfetzen hatte essen lassen.
Schmerzen musste er leiden, bevor sie hatte beginnen können ihn aus ihrem Gedächtnis zu streichen. Körperliche Schmerzen sollte er ertragen, wie sie das getan hatte. Langsam schnitt sie ihm die Lunge heraus. Das Herz ließ sie schlagen, an dessen Versagen sollte er verrecken.
Sie wußte, dass diese Phantasien nicht unbedingt normal gewesen waren und dass sie vielleicht eine Therapie hätte aufsuchen sollen, aber damals war ihr das eigentlich ziemlich egal gewesen. Sie hatte seelische Qualen durchlitten und ein Weg sich dafür zu rächen war ihn in diesem Moment in ihren Gedanken qualvoll, langsam und geradezu bestialisch umzubringen. Eigentlich hatte sie sich nach Verständnis, nach blindem Vertrauen, und solchen Dingen, danach mit ihm lachen zu können, ohne davor Angst haben zu müssen, dass er sie verachtete, gesehnt. Seine aufrichtige Aufmerksamkeit und danach, dass er an sie dachte. Wohl das entscheidende Merkmal- dass er überhaupt an sie dachte. Das hatte er wohl nie getan. Das hatte sie sich irgendwann eingestanden. Und das obwohl sie immerzu an ihn gedacht hatte. Und genau deshalb hatte er in ihren Gedanken sterben müssen. Immer und immer wieder.
So schlenderte sie also durch die alten Gänge und dachte an dieses dunkle Kapitel in ihrem Leben. Selbstverständlich hatte er sie ausgenutzt. Ihre Verzweiflung für seine Befriedigung mißbraucht. Was hatte sie dazu angetrieben derartig verzweifelt zu sein? Hatte sie ihn geliebt? Wenn ja warum? Hatte sie sich nicht eingestehen können, dass er sie einfach nicht geliebt hatte, geschweige denn gemocht hatte und wahrscheinlich immer noch nicht mochte?
Es gibt nichts Traurigeres als verzweifelte Frauen, die um die Liebe eines Menschen winseln, der sie mit Füßen tritt. Wo blieb die Selbstachtung? Wo war der Stolz, der uns immer erfüllen sollte?
Stattdessen freundet man sich mit seinen Freunden an, nur um ihn zufällig treffen zu können. Läßt ewiges Gefasel über sich ergehen, allein in der Hoffnung ihn mit den Faslern anzutreffen. Läßt sich auf Typen ein, allein um den Kontakt in diesen, seinen Kreis halten zu können. Kauft sich Kleidung, die er mögen könnte. Rennt mit tiefem Dekolleté herum um ihm zu beweisen was er nicht hat. Obwohl er es hatte. Interessiert sich für Dinge, die man eigentlich verabscheut, die aber seine Hobbys waren, nur um ihn beeindrucken zu können. Blamiert sich in aller Öffentlichkeit um ihm die eigene Unabhängigkeit zu demonstrieren. Sagt Sachen, die einen langweilen, nur um ihm zu imponieren. Und all das faßt er als das auf was es ist: Verzweiflung. Den puren Versuch seine Liebe zu erzwingen, in dem man cooler, hübscher, lässiger, begehrter, intelligenter, schlagfertiger, mutiger, reicher als alle anderen ist. Die Nummer eins sein, weil man sich nicht eingestehen kann, dass man es nicht ist. Alle Mädchen um ihn herum hassen, obwohl sie nicht im Geringsten so empfunden hatten wie man selbst. Lügen, um den Schein zu wahren. Gefühle runterspielen und sich missbrauchen lassen um in seiner Nähe zu sein. Sich eiskalt ausnutzen lassen wollen. Und das alles für ein bisschen Anerkennung. Für ein bisschen Liebe, die einfach wertlos ist.
Pure Verzweiflung hatte sie unattraktiv gemacht und sie hatte verloren ausgesehen, schmutzig, beschmutzt. Was hatte sie vermisst, als sie wie ein Schwarm Luftratten hinter Brotkrümmeln seiner Liebe hinterher gejagt war? Sich selbst erniedrigt hatte um sein albernes Gesicht zu sehen, seine unlustigen Witze und seine überzogenen Vorhaben ertragen zu müssen? Dafür hatte sie ihn regelrecht geschlachtet- in ihren Träumen.
Sie war einmal ein weißes Blatt Papier gewesen und er hatte zu fest darauf geschrieben. Rücksichtslos. Fast hätte es sich durchgedrückt; und danach hatte er es zerknüllt und in den Papierkorb geworfen. Es hatte lange gedauert seine Schrift zu entfernen, aber den Abdruck, den sein schwerer, großer Stift hinterlassen hatte, den man zwar nur noch sah, wenn man es in die Luft und schräg hielt, den würde sie behalten. Die Knitterfalten waren schnell heraus gebügelt gewesen. Glücklicherweise ging das schneller als man es von Papier erwarten würde. Zum Glück, dachte sie schnell, hatte sie diese Zeit überwunden und konnte jetzt darüber nachdenken ohne weinen zu müssen. Wenn sie genau darüber nachdachte, dann konnte sie sogar lachen. Es war das erste Mal, dass sie überhaupt wirklich an diese ganze unleidige Geschichte gedacht hatte. Das sie sie durchdacht hatte. Befreiend. Leider war ihr die Sache auch ein bisschen peinlich und sie versuchte nicht mehr darüber nachzudenken wie peinlich sie sich verhalten hatte. Wie peinlich es war, wenn sie mit ihm in Verbindung gebracht wurde. Manchmal stritt sie es gnadenlos ab, dass sie ihn überhaupt kannte. Manchmal spielte sie ihr Verhalten gnadenlos runter. Und manchmal beichtete sie, da sie wusste, dass es Menschen gab die es verdient hatten ihre Beichte zu hören.