endsieg.info - Traum-Gulag - Ein Tag im Altersheim
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Traum-Gulag - Ein Tag im Altersheim +

Völlig überraschend ging das Licht an. Snoggels van Verwoede wechselte eine Daseins-Spur und justierte sein Layout in die passende Richtung. "Jetzt gehts los..." dachte er und versuchte seine - gelinde gesagt - angestaubten Small Talk - Subroutinen - Schaltkreise aus dem Kabel-Wirrwarr seines Stammhirns rauszukramen. Nach längerem Suchen hatte er endlich das passende Programm gefunden : Den "Was ist denn los?" - Powermanager mit dem schicken "hier kann man nie seine Ruhe haben" - Stress-Addon, was einmal überaus en vogue gewesen war, vor ungefähr 3 Jahrhunderten. Was würde es diesmal sein? War mal wieder seine alljährige Defragmentation fällig?

Oder war endlich sein Antrag auf E-Therapie durchgekommen, auf den er bereits wartete, seit sie ihn in diese graubettonierte Legehennenbatterie gekarrt hatten, die All-Schweine. Ein frisches Update, komplett mit einem neuen Prozessor, Speicherchips und dem ganzen anderen modischen, aerodynamischen Schnick-Schnack, den er ständig in seinem Hypothalamus-Heim-Fernsehen sehen konnte. Mühsam animierte er seine Pupillen und konnte schliesslich den Eindringling ausfindig machen.


Es war Poli-Gnom Theta, ein sogenannter "All-Rounder", ein Lobo-Bot, der sich um seine Resthuman-Manifestation kümmerte. Enttäuscht deaktivierte Snoggels seine Membranstelzen und stellte sein Traum-Modem auf "Surreal Feedback". Was war das für ein Leben? Verdammter Klick! Und außerdem : Sein Körper war ihm piepe, es funktionierte daran sowieso nicht mehr all zu viel. Aber das war klar. Nach 500 Jahren war die Maschine Mensch nicht mehr einsatzbereit. Klar, deshalb war er ja auch hier, ausrangiert und im senil-matschigen Ground-Zero-Traumgulag. Warum also daran rumfummeln? Warum die ständigen Reperaturarbeiten, das penetrante Geschraube an seinen Modulen? Schwachsinn! Schlimmer noch : Saddistische Heuchelei, das "So tun, als ob es Licht am Ende des Tunnels gäbe!" So eine Scheiße! "Mr. Van Verwoede" schnarrte der Bot, "Zzie sind durchaus zu schnorke! Da sehen Zzie, ihre Werte sind weit jenseits des korrekten Rahmens. Zzie sind mindestens 10 Freud über dem Normal-Lobotomie-Limit. Wir werden Zzie rekonfigurieren und ihnen den Gehirn-Grind abschaben müssen!"

"Du kannst mich mal," gab Snoggels barsch zurück, "aber mir solls recht sein, so lange du dabei die korrekte Dosis Drogen nicht vergisst!"
"Da können wir Zzie beruhigen. Wir haben das Neuste! Sie können sogar zwischen dem geronnen "Sunshine" Edolplasmazit und Nihilismus-Petrazol entscheiden. Alzzo, was darfz sein, ein extatischer Flug zum Wolkenkukuksland oder eine schön schmerzhafte Bruchlandung im Nichts?"

Gute Frage eigentlich, dachte Snoggels, entschied sich dann aber für das Sunshine. Denn ein Downer schmeckte ihm zu sehr nach dem, was er ohnehin jeden Tag erlebte. Schließlich war er ja schon "groundzero", und den absoluten Nullpunkt zu unterfliegen war wohl gleichzusetzen mit der endgültigen, mentalen Kernschmelze. Resigniert auf den "Hit" wartend, blubberte Snoggels in seinem Tank und bereitete seine Aggregate auf den System-Reset vor. Links von ihm begann das Aprikosen-Realitäts-Oszilloskop piepend zu rotieren und in seinem Kopf hörte er die angenehm klingende Stimme der "Stewardess", des Tripp-Mechanikers.

"Alles klar, Mr. Van Verwoede. Wir haben sie im Nu aus diesem lokalen Tief rausgeschaufelt. Warten Sies nur ab, in 5 Minuten fliegen sie mit goldenen Flügeln und essen bei Zeus zu Mittag am Tannhäuser Tor!"
Snoggels hatte da so seine Zweifel. Fliegen hatte er noch nie gemocht und was zum Teufel wollte er bei einem geisteskranken Gott?

Doch irgendwie war das schon nicht mehr all zu relevant. Auf einen Schlag schien alles schön zu sein. Ein wohliges Gefühl breitete sich in seiner Titan-Karosserie aus und sogar sein Tank, der ihm gerade eben erst beinahe in ein hysterisch beißendes Vieh verwandelt hätte, schien ihm mit einem Male heimelig. Wahrscheinlich wirken die Drogen schon, dachte er benommen, glücklich glucksend. Verschwommen nahm er noch war, wie sie seinen Nodus an den Sprewaldgurken-Ultra-Trafo anschlossen, dann riss der "Take Off" ihn fort...

Das Wolkenkukuksland entpuppte sich als immense Spielwiese, eine einzige pinkfarbene Hüpfburg, in der sich seine Miteinsitzenden, seine legasthenischen, grenzdebilen Spielgefährten ausgelassen tummelten. Überall boingten Science-Fiction-Frankensteins durch die Gegend, tobten triebgesteuert drielend umher wie groteske Säugetiere. Dazu spielte eine gediegene Plutonium-Rock-Kapelle. Vorschlaghammer-Schiller und Pressluft-Goethe heizten ein, hatten die drastischen Moves drauf, begleitet von Frischli Creme Frâice and the Magic Bongofones.

Es war ein Zirkus der Entgleisung, der endgültige Wahn, die ultimative psycho-rektale Abrissbirne. Und er mochte es. Sehr sogar. Er konnte sich kaum bändigen, wollte sein wie sie, losrennen, rumspringen, den Kopf gegen die Gummiwand schlagen, Hallenhalma spielen, sich hinter einander verstecken, usw. usw...
Doch inmitten dieses manischen Kaffeekränzchens, unendlich vollgepackt mit positiver Energie, konnte er eine Stimme hören, die auf einer ungewöhnlichen Frequenz in seinem Kopf sendete. Es war ein disynchroner Disc-Jokey! Ein Psychonauten-Pirat hatte sich in sein Bewusstsein reingehackt und stellte jetzt wer weiss was mit seinem Verstand an.

"Es ist alles in Ordnung, Mr. Van Verwoede. Ich bin nicht da um Sie zu korrumpieren. Stellen Sie sich einfach vor, ich wäre ein späteres Sie, nachdem Sie den Headcrash, der ihnen unmittelbar bevorsteht, überstanden haben..."
"Hör zu, du elender Ribosomen-Gammler! Mach das du verschwindest, bevor ich mir den kick-flip 360° Cryonigator reinspanke und dich wie mich in ein schizoides Prisma fokusiere!"
"Nennen Sie mich Mr. Hayabusa und bleiben Sie ruhig." fuhr die Stimme unbeirrt fort. "Ich habe ihnen etwas wichtiges zu sagen. Sie sind auf einer Reise aus dem Unerklärlichen in das schwer Verstörende. Es ist eine schmerzhafte Odyssey, die ihnen bevorsteht.
Sie werden sie nicht unbeschadet überstehen, aber die Erkenntniss, die Sie daraus gewinnen werden, wird alle Opfer, ja sogar den bionic headcrash, mehr als wert sein. Ihnen muß klar werden, das SIE bestimmen, was Sie sind, und zwar auf eine absolute Art und Weise."

Snoggels fühlte sich auf einmal so, als ob er gleichzeitig sowohl kotzen wie auch sich mästen wollte.
"Sie sind ein Magier, ein Traum-Manifestator, nicht wahr?" brachte er mühevoll stammelnd hervor.
"Nein, Mr. Van Verwoede, der Magier sind Sie. Ich bin lediglich ihr schizophrenes Echo oder zumindest sollten Sie das glauben, wenn Sie nicht völlig durchdrehen wollen..."
"Was verdammt...?"

"Hören Sie zu : In einem Spiegel der Ilusionen ist der Rest mindestens ebenso real, wie die sogenannte "Realität". Das einizge, was zählt, ist dass SIE real sind. Rein theoretisch könnten SIE der geisteskranke Gott sein, von dem Sie vorher gedenkelt haben. WIR wären dann nichts weiter als ihre Gedanken, Ausdruck ihrer kranken Fantasie, ihres egotheistischen Solipsismuses!"
Mit diesen Worten verschwand der Psychonauten-Pirat. Zurück blieb Snoggels van Verwoede, der schwer verwirrt auf einem Asteroiden trieb und dennoch bei kristallklaren Verstand einen Schritt weiter war...



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