JA!JA!JA!
Eigentlich benutze er dieses Wort nur um sich Ruhe vor seiner Mutter zu verschaffen. Bald würde er weit weg sein, ohne sie. Er mußte es tun, dass wußte er und er verweigerte sich nicht. Er hatte versagt. Er hatte alle enttäuscht und sich selbst noch dazu. War das alles was er vorzubringen hatte? Wahrscheinlich.
Als viertes von vier Kindern geboren, war er das schönste Kind von allen. Hellblondes Haar und maskuline Züge, ließen schon früh die Damen vor Verzückung stöhnen. Ausgefeilte Gestik und Mimik taten, in Kombination mit eindringlichen, nußbraunen Augen und einem Adoniskörper, ihr Übriges. Reihenweise flatterten Liebesbriefe in das elterliche Heim und bald schon war das Ergattern einer Verabredung mit ihm eines Wahlkampfes um die amerikanische Präsidentschaft würdig. Doch nicht nur die Schönheit zeichnete ihn aus, er war schneller, begabter und beliebter als seine Schwestern zusammen. Als einziger Junge trug er alle Erwartungen vereint in sich. Er sollte der Familie einen Stammhalter verschaffen. Seine Geschichte ereignet sich durchaus nicht im 18. Jahrhundert, sondern im 21ten. Er war ein von. Blaues Blut und der Stolz das gleiche Blut wie Prinz William von England in sich zu tragen, wenn die Verwandtschaft auch sehr entfernt war.
Selbstverständlich genossen auch seine Schwestern die beste Ausbildung. Anwältin, Ärztin, Unternehmensberaterin und Fotografin waren sie geworden.
Den Familienbetrieb, der nicht mehr als Betrieb, sondern als multinationaler Konzern betrachtet werden mußte, sollte er übernehmen und dafür auf die renommierteste Unternehmerschule des Landes gehen.
Jahrelang hatten sie ihn durch die Schule getrieben und schließlich konnte er mit dem entsprechenden Abitur auch die angestrebte Schule erreichen. Stolz erfüllte gleich die ganze Familie, was ihm nicht unangenehm war. Er stand gerne im Mittelpunkt. Genau wie beim anderen Geschlecht, dass er seit jeher in Verzückung versetzte. Er sah aber auch verdammt gut aus. Jede Frau würde ihm verfallen. Verdammt!
All die Mädchen, die er täglich aus- und verführte langweilten ihn allerdings, befriedigten ihn nur partiell. Aber von ihm ausgenutzt zu werden war schon ein Kompliment höchster Stufe. Und es lohnte sich. Der Junge hatte Erfahrung. Doch auf seine sexuellen Qualitäten soll an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden. Man kann sich seinen Teil denken. Und dank der Tatsache, dass er sich dessen vollkommen bewußt, kann man über die Zahl derer die ihm verfallen waren, lediglich wild spekulieren.
Doch das süße Leben sollte nicht ewig dauern. Der Tag der Abreise in seine Zukunft rückte so nahe, dass die übrigen Tage vorbei waren.
Als er endlich die Pforten des heiligen Ortes betrat, merkte er, dass ihn ein kalter Schauer durchfuhr. Er haßte den Ort bevor er ihm einen Bruchteil an Aufmerksamkeit geschenkt hatte.
Das große, altehrwürdige Tor trug den Schriftzug: „Dies irae, dies illa solvet saeclum in favilla“. Natürlich verstand er den Schriftzug nicht und das war eigentlich nicht gut. Früh genug sollte er merken was dort stand. Egal. Vollkommen egal.
Plötzlich erblickte er ein buntes Fahrrad und ein Mädchen darauf. Aus einer gewissen Distanz heraus, lachte er innerlich über ihr buntes Fahrrad und diese pseudo- heitere Leichtigkeit. Sie war geradezu zu bedauern. Seifenblasen. Doch dann für sie an ihm vorbei. Einfach so und plötzlich war sie wunderschön. Sie hatte lange, blonde Locken und es schien ihm ein Heiligenschein über ihrem Kopf zu erscheinen.
Sie fuhr fröhlich an ihm vorbei ohne ihn bemerkt zu haben?! War es gerade das, was ihn so faszinierte? Immer noch! Jeden Tag um die gleiche Zeit stand er nun an der gleichen Stelle und hoffte sie ein weiteres Mal erblicken zu können. Dabei kam er sich erstaunlicher Weise nicht vor wie ein lächerlicher, kleiner Brillenträger mit Akne und dem ständigen Traum seiner Göttin nahe zu kommen, obwohl diese besseres zu tun hatte, als sich mit einem Wurm wie ihm auseinander zusetzen.
Dennoch wartete er. Doch natürlich kam sie nicht. Er begann sie zu vermissen. Ohne sie zu kennen. Selbstverständlich lehnte er die Zuwendungen und Zuneigungen anderer nicht ab- wozu, schließlich wußte sie nicht einmal wer er war. Diese Befriedigungsobjekte konnte er sich nicht vom Hals halten. Glücklicherweise. Schließlich hatte er Bedürfnisse. Er war ein Mann. Sie erschien ihm also nicht noch einmal und er hatte die Hoffnung aufgegeben, sie jemals wieder zu erblicken. Doch mit der Zeit begann er nicht mehr an sie zu denken. Warum auch? Er hatte wichtigeres zu tun- schließlich sollte er mal reich werden.
Sein Studium war selbstverständlich von seiner Arroganz geprägt, die alle um ihn herum faszinierte, abstieß und neidisch werden ließen. Doch war er so? Ja. Er war schön, intelligent und reich. Was wollte ein Mensch mehr? Er hatte keine Sorgen und würde nie welche haben. Warum sollte er nicht realistisch auf sich blicken? Was konnte er dafür, dass er somit arrogant wirkte. Arroganz war auch nur Niveau von unten betrachtet.
Ein Ball? Vermutlich hatten die Karten dafür als Vergütung eines Schönheitswettbewerb fungiert und bildeten jetzt die Grundlage für eine ausgiebige Brautschau. Alle Mütter dieses Landes hatten versucht ihren Töchtern eine Karte zu ermöglichen, teils vergebens, teils nicht. Die Glücklichen bereiteten sich auf den Abend ihres Lebens vor. Tagelang hatten sie Torturen zum Zwecke der Schönheit über sich ergehen lassen müssen. Ein Brautmarkt braute sich zusammen. Eine ideale Idee. Schön und reich mußte auf Dauer einander gehören. Was sollte sonst auch aus dieser Gesellschaft werden, wenn die Reichen die Häßlichen, die Armen die Schönen beglückten?
War es nicht fair, der geistigen und finanziellen Elite, die als Leistungsträger fungierte, die Schönen auf einem Silbertablett zu servieren? Hatte sie schließlich nicht jetzt schon zu viel zu tun um sich mit diesen Kleinigkeiten zu beschäftigen? Schließlich heiratete man eine Jackie.Warum auch nicht? Sollte eine Frau Kritik an der Geldquelle üben? Bitte! Der große, zumindest für die beteiligten Objekte, große Abend rückte näher und die ersten Gerüchte machten die Runde. Die freie Auswahl war wohl zu verzeichnen. Wunderbar. Die große Eingangshalle war feierlich geschmückt und langsam aber sicher füllte sich der Raum, zunächst nur mit schönen Mädchen, und ihren hoffnungsvollen Gesichtern. Er kam zu spät.
Natürlich kam er zu spät. Ihm war durchaus bewußt, dass er diese Veranstaltung nicht nötig hatte, und dass er jede dieser Mädchen jedem seiner Mitstreiter streitig machen konnte. Er hatte eigentlich das Bedürfnis gehabt einer Party seiner alten Clique beizuwohnen, mußte sich aber dem Willen der Allgemeinheit beugen. Außerdem würde er auf dieser Party willige und schöne Mädchen antreffen, die sich schon vorsichtshalber Polster für die Knie mitgebracht hatten. Spaß versprach es ohnehin. Gelangweilt schaute er in die Runde und wartete darauf ein Mädchen zu erblicken, was würdig war heute Abend in seinem Bett zu verbringen. Erstaunlich viele waren schön genug. Das würde die Qual der Wahl werden, vielleicht konnte er auch einfach die sanitären Anlagen nutzen, wenn er sich nicht auf Anhieb entscheiden konnte. Auswahlverfahren. Solange nicht er die blauen Flecken am Rücken davon trug. Plötzlich erblickte er sie. Warum war sie hier? Was tat sie hier auf diesem Fleischmarkt, auf dieser blasphemischen Veranstaltung, die ihrer nicht würdig war? Sie sah so einfach, so schön aus. Sie blickte ungezwungen, desinteressiert. Sie war nicht hier um einen wie ihn zu erbetteln, zu erblasen. Sie hatte Klasse, Stil. Aber was tat sie dann hier?
Vielleicht war sie doch nur eine von diesen billigen Flittchen, die ihm jede Körperöffnung zur Befriedigung seiner Triebe zu Verfügung stellten. Natürlich war sie das! Zusammen mit einem Bekannten kam sie geradewegs auf ihn zu. Zittern. Angst. Was konnte sie von ihm wollen? Sie sollte verschwinden. Sie war doch nur ein billiges Flittchen wie alle anderen. Meinte sie überhaupt ihn? War sie etwa die Freundin des Bekannten? Das wäre katastrophal gewesen, er war einfach nicht standesgemäß. Natürlich war sie die Freundin, anders hätte sie doch gar nicht in das Etablissement gelangen können.
Er hasste sie, was wollte sie hier, wenn sie die Freundin war? Sie sollte zusammen mit ihren Flittchenfreundinnen ihre Aufgabe erfüllen und sich ordentlich den Mund stopfen lassen! Nein, sie war wunderschön und sie kam auf ihn zu. Wie konnte sie nur einfach auf ihn zugehen? Er wollte verschwinden. Doch zu spät, sie stand vor ihm und grinste ihn entwaffnend an.
Sie wurde ihm als Schwester vorgestellt. Welch Erlösung! Die Wiedergeburt. Schmetterlinge tummelten sich in seinem Bauch. Oh Bitte! Diesen peinlichen Anfall von romantischen Gefühlen konnte er sich weder erklären noch verzeihen.
Sie unterhielten sich und verstanden sich. Sie war schön, gebildet, schlagfertig. Sie ließ seine Arroganz bröckeln, ließ ihn schwächeln. Natürlich ließ er sich das nicht anmerken. Er war schließlich der Mann! Schwach konnte er auch noch sein, wenn er keine Zähne mehr hatte. Und sich von ihr pflegen ließ. Schluß damit! Sie war nicht seine Kategorie. Ihr Hintern war keine 34. Bitte. Mit solchen fetten Kühen gab er sich doch nicht ab.
Sie war besser als er sie sich in seinen Träumen ausgemalt hatte. Besser? Bitte!
Es drängte sich ihm ein Bild auf, dass sie auf einer schönen Sommerwiese tollten und sich liebten. Ohne sich zu berühren.
Wo war sie? Warum war sie gegangen? Sie war einen Jahrgang unter ihm gewesen? Wie konnte er sie übersehen haben? Ein derartiges Geschöpf.
Er hasste sich für sich selbst. Wohl das erstemal in seinem Leben. Oder vielleicht hatte er nur nie darauf geachtet, dass er sich haßte. Diese ganze Gefühlsduselei war ihm auch sehr lästig. Er sah sie nie wieder. Er fragte seinen Bekannten nicht. Es wäre entwürdigend gewesen. Doch plötzlich war alles anders. Zum Kotzen. Er war toll. Er war nicht auf eine wie sie angewiesen. Bitte! Natürlich war sie seiner nicht würdig. Er war für Höheres bestimmt und sie würde ihn daran nur hindern. Doch was war dieses Höhere? Konnte er dieses Höhere erfüllen? Konnte er es ohne unglücklich zu werden. Was plagten ihn den plötzlich diese lächerlichen Gedanken. Selbstzweifel? Sind doch nur schlechten und schwachen Menschen versprochen.
Seine Schwestern mochten noch so erfolgreich sein. Er würde erfolgreicher werden? Eigentlich wollte er das gar nicht? Oder doch? Was mußte er über sich ergehen lassen? Diese schreckliche Anstalt? Konnte er das? Wollte er das?
Jetzt war es vorbei. Er war verwiesen worden. Nicht standesgemäß. Oh Bitte, sein Vater besaß diese lächerliche Anstalt. Sein Vater liebte ihn, nicht ganz selbstverständlich, immer noch, aber er war enttäuscht. Enttäuscht von sich selbst.